Alexander Eich

Zwanzig Szenen zu Zwanzigzwanzig

Alexander Eich, Prüferin: Hannah-Deborah Gramentz

Ich möchte mich ganz doll in meiner warmen Decke einwickeln und mich ganz, ganz sicher fühlen. Niemand darf mich dabei stören oder mich mit seinen Problemen belästigen. Es wird Zeit, ich schotte mich von dieser gemeinen Welt ab und trinke und esse das, was ich schon als Kind gerne gegessen habe.

Dieser von mir erdachte Satz, welcher handgeschrieben auf dem zehnten Bild als deutsche Landesgrenze zu sehen ist, beschreibt im gewissen Sinne meinen Beweggrund für die Zwanzig Szenen zu Zwanzigzwanzig. Als ich mir, wie viele andere, Angela Merkels Ansprache zur Covid-19-Situation (2020) anschaute, fühlte ich mich wie ein verwirrtes, emotional aufgeladenes Kind, das von Mutti beruhigt und zurechtgewiesen werden muss. Ich glaube, wir werden nicht erwachsen, nur älter und viele von uns wollen ihr kindliches, sicheres Umfeld bewahren, welches zusammen mit uns wächst. So ein emotionaler Schutzraum beginnt im geborgenen Zuhause und weitet sich über die Jahre bis zu den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland aus. Und wehe jemand oder etwas möchte Chaos in unsere Stube bringen! Ich hörte mir Merkels Ansprache beziehungsweise beruhigendes Zureden noch einmal an und tippte es auf meinen Laptop mit, wobei ich bei bestimmten Wörtern immer wieder Bilder oder Szenen vor Augen hatte, die mir aus diesem Jahr im Gedächtnis blieben. Ich wollte daraus einen Spiegel der Gesellschaft schaffen, ein Dokument unserer Zeit (vgl. Müller-Jentsch 2012, S. 15), unserer Zwanziger Jahre. Und was passt besser zum Jahr Zwanzigzwanzig als Zwanzig Szenen?

Um das kindliche Erleben zu unterstreichen, gestaltete ich die Bilder mit Buntstiften, sodass visuelle Bezüge zu Kinderbüchern bestehen, wobei ich mich thematisch gerade vom britischen Streetart-Künstler Banksy inspirieren ließ. Banksy, dessen wahre Identität aktuell unbekannt ist, verwendet in seinen Werken oft Kinder als Sinnbild für den unschuldigen, hilflosen und naiven Menschen, welcher durch sein Verhalten in Schwierigkeiten kommt (vgl. Blanché 2012, S. 91f.). Es sind aber bei mir nicht nur die Kinder als Figuren, sondern das Kindliche in der Gestaltung, was die Naivität unterstreicht. Merkels von mir abgetippte Ansprache ist auf alle zwanzig Seiten verteilt und begleitet die Szenen wie eine Kinderbuchgeschichte, allerdings mehr als roter Faden und nicht als inhaltlicher Bestandteil, zumal nicht immer alles lesbar ist. Mir war bei der Gestaltung auch wichtig, dass jede Szene zum einen wie ein Teil einer Reihe wirkt, zum anderen aber auch allein für sich steht. Als Bezug dafür dient mir der Pop Art-Künstler Roy Lichtenstein, dessen Gestaltungen wie eine Seite aus einem Comic aussehen, aber dennoch jeweils ein eigenständiges Werk sind. Lichtenstein selbst sagte in einem Interview über den Pop Art, dass es nicht wie ein Gemälde oder so etwas aussieht, sondern wie es selbst (vgl. Swenson 2007). So haben die zwanzig Szenen zu Zwanzigzwanzig im DIN-A4-Hochformat optisch einen Bezug zu einer Comic-Seite, jedoch sorgt das raue Aquarell- und Skizzenpapier für den Eindruck einer Leinwand. Es ist als eine Sammlung von Gemälden, die kombiniert wie ein Kinderbuch aussehen, aber eigentlich nichts von beiden sein müssen.

Ich möchte noch erwähnen, dass nicht alle wichtigen Themen des Jahres 2020 dargestellt werden, sondern die Themen, die mich beschäftigt haben. Es ist so gesehen eine Kollektion meiner persönlichen Gedanken, die in Merkels Ansprache Trost suchen.

Literaturangaben:

Blanché, U. (2012). KONSUMKUNST – KULTUR UND KOMMERZ BEI BANKSY UND DAMIEN HIRST. Bielefeld: Transcript Verlag.

Müller-Jentsch, W. (2012). DIE KUNST IN DER GESELLSCHAFT – 2., DURCHGESEHENE AUFLAGE. Wiesbaden: Springer VS.

Merkel, A. (2020). „ES IST ERNST!“ – MERKEL-ANSPRACHE ZUR CORONA-AUSBREITUNG. Ansprache veröffentlicht am 18.03.2020 auf dem YouTube-Kanal der Tageschau. Zuletzt aufgerufen am 18.06.2020 unter https://www.youtube.com/watch?v=4YS20YQbVE4.

Swenson, G. R. (2007). WHAT IS POP ART? Interview mit Roy Lichtenstein veröffentlicht im November 1963 bei ARTnews. Zuletzt aufgerufen am 18.06.2020 unter https://www.artnews.com/artnews/news/top-ten-artnews-stories-the-first-word-on-pop-183/.