Jessica Simon

Loslassen

Jessica Simon, Prüfer: Prof. Dr. Martin Lenz-Johanns

Viele Menschen sind in einem Denkmuster gefangen, welches besagt, etwas wäre entweder gut oder schlecht. Während meines Studiums stieß ich durch genau dieses an selbst erbaute Mauern. Mein Ästhetik-Empfinden war immer darauf ausgelegt etwas Schönes, etwas Perfektes zu schaffen. Ich neigte dazu Ungeplantes zu verhindern. Ungeplante Linien, Farben oder Kleckse sah ich als Fehler, die das Resultat ruinierten. Mich fallen zu lassen und die Kontrolle abzugeben waren für meinen künstlerischen Prozess bislang undenkbar.

Loslassen.
Ein schwieriger Moment, der viel Überwindung kostet. Durch das Arbeiten mit einem Hula-Hoop-Reifen wird ein Großteil der Kontrolle an das Objekt abgegeben. Das „Loslassen“ des Reifens ist hierbei der Wendepunkt, an dem der Körper keine vollständige Kontrolle mehr darüber hat, wie der Farbauftrag aussehen wird. Zusätzlich wird die Kontrolle dadurch verringert, dass der Maluntergrund an drei verschiedenen Wänden angebracht ist. Versucht man die Farbe auf einer Seite zu lenken, werden auf den anderen Seiten immer Spuren entstehen, die nicht lenkbar sind. „In der weißen Zelle“ (O‘ Doherty 1996) breiten sich diese über die Maluntergründe hinaus auch auf die Wände aus. Die Spuren auf den Maluntergründen erinnern dabei an die Ergebnisse des Pointillismus. Während beim Pointillismus jedoch Punkt für Punkt die Farbe bewusst gesetzt wird, sind die einzelnen Punkte in diesem Prozess aus einem Zusammenwirken der Intention und des Zufalls zustande gekommen. Dadurch entsteht eine Symbiose aus Kontrolle und Unkontrollierbarkeit.

Die Verwendung des Zufalls ist eine häufig gewählte künstlerische Strategie. Der Künstler Max Ernst bevorzugt dabei den Begriff „Befreiende Verfahren“. Dies bedeutete für ihn vor allem, dass die Arbeiten wenn auch nicht vollkommen zufällig, befreit vom langen Nachdenken über das Tun oder das Ergebnis entstehen (Rieß 1996). Genau diese Auffassung von Zufallsverfahren wurde mit dem vorliegenden Werk verfolgt. Auch Jackson Pollock wird mit Zufallsverfahren in Verbindung gebracht. Für seine Drip-Paintings tropfte, spritzte und schleuderte er Farbe und berührte die Leinwand dabei niemals selbst. Auch wenn er den Einfluss des Zufalls abstreitet, kann von einem gesteuerten Zufall gesprochen werden, da der Farbauftrag nie vollkommen kontrolliert werden kann (Emmerling 2003). Während Pollock die Malhand benutzt, die die Farbspritzer in eine Richtung lenkt, wird in „Loslassen“ der Hula-Hoop-Reifen als Verstärkung der Unkontrollierbarkeit genutzt. Durch die bewusste Bewegung wird zwar auch dieser gelenkt, jedoch kann man diesen viel weniger kontrollieren. Dennoch bleibt die Wahl des Auftreffwinkels, sowie Formates, Bildträgers und des Endproduktes kontrolliert.

Literaturangaben:

Emmerling, L. (2003). Jackson Pollock: 1912-1956; an der Grenze der Malerei. Köln: Taschen Verlag.

O’Doherty, B. (1996). In der weißen Zelle. Inside the white cube. Berlin: Merve Verlag.

Reck, H. U. (1999): Aleatorik in der bildenden Kunst. In: Die Künste des Zufalls. Gendolla, P. Kamphusmann, P. (Hrsg.), S. 158-195. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

Rieß, W. (1996). Befreiende Verfahren 1. Experimentieren und Gestalten mit dem Zufall. Dietzenbach: ALS-Verlag.

Tsvetanova, P. (2018): Vom Glück des Zufalls. Das Nichtstun genießen – oder warum wir das Leben dem Zufall überlassen sollten. Norderstedt: Books on Demand